01
Du sitzt im Wartezimmer.
Du sitzt im Wartezimmer beim Arzt, und auf dem Tisch liegt eine Zeitung mit einer Schlagzeile, die dich wütend macht. Du liest sie zu Ende. Du hast eine Meinung dazu — eine ziemlich differenzierte sogar. Und du sagst nichts.
Nicht weil dir nichts einfällt. Sondern weil du nicht mehr weißt, wem du es sagen sollst, ohne dass es sofort in ein Lager sortiert wird.
Du ballst die Faust in der Tasche, blätterst weiter, sagst hinterher vielleicht zur Frau am Empfang etwas Wetter-Höfliches. Und gehst raus. Im Auto noch einmal über das Gelesene nachgedacht. Abends beim Familienchat ein vorsichtiger Satz, der zurückgenommen wird, sobald die ersten Antworten kommen.
Dieses stille Wegducken kennst du. Es kostet dich etwas, jedes Mal.
Kennst du das?
Stell dir vor, du sitzt im Wartezimmer beim Arzt. Auf dem Tisch liegt eine Zeitung mit einer Schlagzeile, die etwas in dir auslöst. Du liest sie zu Ende. Du merkst, dass du eine Meinung dazu hast — eine, die durchaus eigene Konturen hat, mit Wenn und Aber.
Und du sagst nichts.
Vielleicht nicht, weil dir nichts einfällt. Vielleicht eher, weil du innerlich schon weißt, in welche Schublade dein Satz sortiert würde, bevor er auch nur ganz ausgesprochen wäre. Das Wissen darum lähmt leise.
Es bleibt bei der Faust in der Tasche, einem höflichen Satz an der Anmeldung, einem zurückgenommenen Satz im Familienchat am Abend. Es ist nicht dramatisch. Es ist nur jedes Mal ein kleiner Rückzug, der nicht gut bemerkt wird.
Wenn dieses stille Wegducken vertraut klingt, ist das nicht dein Versagen. Es ist ein Hinweis auf das, was draußen passiert.
Vielleicht erkennst du dich.